Do not honk! - Verdammt, ja! Lasst das Hupen, ich bin nicht neben einer aufgewachsen, verdammt! Ja, ich stehe jeden Morgen an der viel befahrenen August Kranti Marg – die Straße tiefer in den reichen Süden und in Norden zum India Gate. Ich muss in den Norden. Ich winke und winke, bin mal mehr genervt, mal freudig überrascht: Wie schnell bekommt man wohl durchschnittlich eine Rikscha? Ich tippe auf 10 Minuten. Und wie oft muss man durchschnittlich um den Meterpreis diskutieren? Sagen wir zu 75 Prozent aller Fahrten. Nach einigem Warten und dem allmorgendlichen Diskussionsprozesses befinde ich mich also in einer der unzähligen gelb-grünen Motorrikschen, bereit mich durch den Smog dieser Millionenstadt zu wagen und begeistert das morgendliche Treiben zu beobachten. Oh heute sitzt mal ein kleiner Hanuman vor dem Lenkrad. Wie selten – mal kein Ganesh. Ganesh ist ja, meiner Meinung nach, eh der Übergott, der A-Promi unter den Stars, Überflieger und allseits verehrt, aber dazu mehr an anderer Stelle… ich sitze also auf der Rückbank neben Postern überbelichteter, weil heller (hoho), westgekleideter indischer Promis. Ob ich diese kenne? Nein. Sehen alle gleich aus… Vor allem der gemeine Durchschnittsinder (Inderinnen fallen an dieser Stelle aus dem Konzept, da ihre Kleidung bei der Unterscheidung sehr behilflich ist) ist 1,70 m plus minus X, wobei eher minus, trägt einen Schnurrbart, kurze schwarze Haare mit Seitenscheitel, eine gestreifte Schlagstoffhose, welche bis unter die Achseln reicht und ein seidenes glänzendes Hemd. Und was die Körperform anbelangt gibt es diese in „Klein mit dickem Bauch“ und „Groß und dürr/mager“. Dies soll jetzt keines Falls abwertend oder ähnliches sein, aber kommt erstmal nach Indien…! Ein Hoch auf die Individualität der Masse! So denke ich jeden Morgen in meiner Rikscha, die mir Zeit zum reflektieren und nachdenken und beobachten gibt – unbemerkt von dem Treiben um mich herum… Schnell gelangt man dann zur eben angesprochenen Individualität, welche einfach fehlt… Es scheint einfach keine Alternative zur Masse zu geben. Kein Aufbegehren von Revolution, Veränderung, Individualität oder einem schlichten neuen Haarschnitt… Willkommen in Indien, einem Land, welches so viel will, sich aber selbst noch mehr im Weg steht…

Aber oh, nicht vergessen: solche Gedankensprünge entstehen eben bei einer Rikschafahrt. Wie sollte es aber auch anders sein?! Ich fahre am neuen Nehru-Stadion vorbei, an der Stelle, wo vor den Commonwealth Games noch ein Obdachloser gelebt hat, ist jetzt ein Helmverkäufer und ich möchte gar nicht wissen, was aus dem armen alten Mann geworden ist… Einen Kilometer weiter treffen sich moderne junge InderInnen vor der Uni und halten ihr Blackberry in der Hand. Selbe Straße andere Seite: Ein Tempel und eine Anlaufstelle für körperlich behinderte Menschen und Tiere, welche von der anderen Seite einfach nicht wahrgenommen werden. Ich bin zwischen beiden, sitze in meiner Rikscha und beobachte…
Am India Gate gibt es dann wieder alles… neu/alt, reich/arm, westlich/traditionell, aber in einem sind sie alle gleich: Sie sehen nur sich, nicht die anderen, denken nicht an andere, wollen die ersten und einzigen sein. Herzlich willkommen in einer 18 Millionenstadt, welche gefühlte 17 Millionen Egoisten beherbergt und keiner merkt es, weil keiner nachdenkt, selbstdenkt. Aber so funktioniert es eben, wie ein Fischschwarm, auf seine eigene Weise, jedeR ist austauschbar, der Wunsch nach Individualität muss noch geweckt werden und und und.
What?! An einer Mauer ist ein Graffiti! Erwachende Individualität, Neues begehren, Veränderung herbeirufen! Ich muss grinsen und denke mir: Ach Dilli…! Und fahre weiter, grinsend und mich wundernd…