Dienstag, 16. November 2010

Massenbewegung?

Do not honk! - Verdammt, ja! Lasst das Hupen, ich bin nicht neben einer aufgewachsen, verdammt! Ja, ich stehe jeden Morgen an der viel befahrenen August Kranti Marg – die Straße tiefer in den reichen Süden und in Norden zum India Gate. Ich muss in den Norden. Ich winke und winke, bin mal mehr genervt, mal freudig überrascht: Wie schnell bekommt man wohl durchschnittlich eine Rikscha? Ich tippe auf 10 Minuten. Und wie oft muss man durchschnittlich um den Meterpreis diskutieren? Sagen wir zu 75 Prozent aller Fahrten. Nach einigem Warten und dem allmorgendlichen Diskussionsprozesses befinde ich mich also in einer der unzähligen gelb-grünen Motorrikschen, bereit mich durch den Smog dieser Millionenstadt zu wagen und begeistert das morgendliche Treiben zu beobachten. Oh heute sitzt mal ein kleiner Hanuman vor dem Lenkrad. Wie selten – mal kein Ganesh. Ganesh ist ja, meiner Meinung nach, eh der Übergott, der A-Promi unter den Stars, Überflieger und allseits verehrt, aber dazu mehr an anderer Stelle… ich sitze also auf der Rückbank neben Postern überbelichteter, weil heller (hoho), westgekleideter indischer Promis. Ob ich diese kenne? Nein. Sehen alle gleich aus… Vor allem der gemeine Durchschnittsinder (Inderinnen fallen an dieser Stelle aus dem Konzept, da ihre Kleidung bei der Unterscheidung sehr behilflich ist) ist 1,70 m plus minus X, wobei eher minus, trägt einen Schnurrbart, kurze schwarze Haare mit Seitenscheitel, eine gestreifte Schlagstoffhose, welche bis unter die Achseln reicht und ein seidenes glänzendes Hemd. Und was die Körperform anbelangt gibt es diese in „Klein mit dickem Bauch“ und „Groß und dürr/mager“. Dies soll jetzt keines Falls abwertend oder ähnliches sein, aber kommt erstmal nach Indien…! Ein Hoch auf die Individualität der Masse! So denke ich jeden Morgen in meiner Rikscha, die mir Zeit zum reflektieren und nachdenken und beobachten gibt – unbemerkt von dem Treiben um mich herum… Schnell gelangt man dann zur eben angesprochenen Individualität, welche einfach fehlt… Es scheint einfach keine Alternative zur Masse zu geben. Kein Aufbegehren von Revolution, Veränderung, Individualität oder einem schlichten neuen Haarschnitt… Willkommen in Indien, einem Land, welches so viel will, sich aber selbst noch mehr im Weg steht…



Aber oh, nicht vergessen: solche Gedankensprünge entstehen eben bei einer Rikschafahrt. Wie sollte es aber auch anders sein?! Ich fahre am neuen Nehru-Stadion vorbei, an der Stelle, wo vor den Commonwealth Games noch ein Obdachloser gelebt hat, ist jetzt ein Helmverkäufer und ich möchte gar nicht wissen, was aus dem armen alten Mann geworden ist… Einen Kilometer weiter treffen sich moderne junge InderInnen vor der Uni und halten ihr Blackberry in der Hand. Selbe Straße andere Seite: Ein Tempel und eine Anlaufstelle für körperlich behinderte Menschen und Tiere, welche von der anderen Seite einfach nicht wahrgenommen werden. Ich bin zwischen beiden, sitze in meiner Rikscha und beobachte…

Am India Gate gibt es dann wieder alles… neu/alt, reich/arm, westlich/traditionell, aber in einem sind sie alle gleich: Sie sehen nur sich, nicht die anderen, denken nicht an andere, wollen die ersten und einzigen sein. Herzlich willkommen in einer 18 Millionenstadt, welche gefühlte 17 Millionen Egoisten beherbergt und keiner merkt es, weil keiner nachdenkt, selbstdenkt. Aber so funktioniert es eben, wie ein Fischschwarm, auf seine eigene Weise, jedeR ist austauschbar, der Wunsch nach Individualität muss noch geweckt werden und und und.

What?! An einer Mauer ist ein Graffiti! Erwachende Individualität, Neues begehren, Veränderung herbeirufen! Ich muss grinsen und denke mir: Ach Dilli…! Und fahre weiter, grinsend und mich wundernd…


Montag, 8. November 2010

Kühe.

Wenn man jetzt mal ganz ehrlich ist, sind neben den Straßenhunden und alten Sadus, Kühe das genialste überhaupt. Überall, in allen Formen und Farben. Groß, klein, rund, schmal, schokobraun bis chinchillafarben, schlafend, kauend, gemütlich wandelnd. Oh sie sind einfach überall, immer präsent, meistens im Weg. Es heißt: Kuh oder Mensch, und ja, die Kühe gewinnen. Die größten Chiller auf der Welt, nahezu nie aus der Ruhe zu bringen, zu kuhl für die Welt und das Beste auf jedem Photo.




Lost in Paradise?!

Ich habe nun die mit wichtigsten spirituellen, magischen Orte besucht: Varanasi, Haridwar, Rishikesh oder auch Manali, aber gefunden habe ich die Spiritualität immer noch nicht. Deswegen: Fragen wir einmal Wikipedia, denn vielleicht war es ja die ganze Zeit nur ein dummes Missverständnis…?! Kurz nachgeschlagen und alles zusammengefasst, kommt Spiritualität aus dem lateinischen (spiritus – welch Wortwitz) und bedeutet so viel wie Geist oder Hauch. Ein wenig modernisiert, in das Hier und Jetzt eingebunden und im weiteren Sinne verstanden, bezieht sich Spiritualität auf Geistigkeit. Nehmen wir es noch ein wenig ernster, bezieht es sich auf Geistliches in spezifisch religiösem Sinne. Und wenn man schon einmal dabei ist, kommt man auch ganz schnell zum Jenseits, der Unendlichkeit – welcome to Nirvana?! Versteht man Spiritualität nun in diesem Sinne, bin ich ja noch weiter davon entfernt, als vorher gedacht… Versuchen wir es mit dem Magischen, aber nicht jenem, bei dem wilde kleine Zauberer in westlicher Kleidung Zauberstäbe schwingen, sondern jene, welche wohl von Rishikesh und Co. auszugehen scheint. Diese besagt, dass Menschen von übernatürlichen Dingen beeinflusst werden und diese auch noch veschiedenste Ereignisse bestimmen können. Wild.

Gut, nach der Theorie kommt die Praxis. Von der Spiritualität ist es nicht weit, bis zur Selbst-Werdung, wie man so schön sagt, dem Finden des neuen Ichs. Möglichst spirituell, angenehm und effektiv funktioniert dies durch Yoga und Meditation. Gut, gar keine Frage, dass ist bestimmt möglich, macht Spaß und hilft. Aber jetzt das „aber“ an der ganzen Sache: Warum gerade in Rishikesk?! Die meisten dort lebenden InderInnen machen ein Geschäft aus Allem, denn die Selbstfindungstrip-Touristen zahlen ja für alles sehr gern, so lang ihnen gesagt wird, dieses oder jenes ist heilig, hilft zu neuer Energie oder hilft, den Geldbeutel, und somit das Gewissen, zu erleichtern. Wer weiß. Ich für meinen Teil glaube jedenfalls, dass Riskikesh ein Ort ist, welchen sich irgendwann einige Nicht-InderInnen ausgewählt haben, um sich auszuleben, dem Kind einen Namen zu geben, selbst die Heiligkeit zu schaffen o. ä. Ich weiß es nicht genau, aber komisch ist es schon… Nebenbei sei angemerkt, dass Riskikesh für die meisten InderInnen einfach mal der Ort zum Nichtstun oder raften ist…

Tja und Varanasi?! Selbst Aravind Adiga schreibt in seinem Bestseller „Der weiße Tiger“, dass man diese Stadt eher den amerikanischen Touristen lassen sollte. Ja, so unglaublich religiös geprägt und unglaublich faszinierend alles dort ist, drückt der überkommende Tourismus aller Art diese mögliche Magie des Ortes.

Ich glaube eher, dass diesen Orten ihre wirkliche Spiritualität verloren gegangen ist und nun eine neue aufgedrückt wurde, die leichter zu empfangen ist und die wahre Spiritualität und Magie Indiens versteckt sich meiner Meinung nach nicht ohne Grund fern von allen Massen in den kleinsten Winkeln dieses großes Landes und will entdeckt werden...

Haridwar & Rishikesh.

Verlaufen, falsch abgebogen, andere Welt betreten?! Wer weiß, jedenfalls sind die kleinen Städtchen, Haridwar und Rishikesh, mal ganz anders. Zunächst einmal liegen beide vor den Bergen und nicht in den Bergen, was schon mal überraschend war, dann ist es nicht kalt, sondern wärmer als in Delhi und im großen und ganzen, passten wir 2 gar nicht so richtig in die Masse an „Touristen“…

Aber was wäre denn sonst noch anders?! Fangen wir einmal mit Haridwar an – ein kleines Stückchen Erde am Ganges, heiliger als der Vatikan und nicht übermäßig einladend. Dennoch, es hat eine wirklich schöne Pooja am Abend, es ist weitläufiger als Varanasi, sauberer und weniger gestresst. Es bietet dennoch nicht viele Möglichkeiten, länger zu verweilen, also schnell noch viele schöne Bilder machen und dann ab in die Rikscha gen Rishikesh!


„Hello Rishikesh“ sangen schon die Beatles und nun dachten wir uns auch: Komm, auf geht’s! Seit den 70ern von allen Menschen der Welt besucht, zur Kult- und einzig wahren Stätte für Yoga ernannt, angeblich von Spiritualität und Magie erfülltem Ort der freien Liebe und Erleuchtung und allerlei anderem sollte dieser nun auch nicht vor uns verschont bleiben. Und ja, ich kann im Voraus sagen: wir leben alle noch und sind unversehrt!


Zwischen unzähligen Aschren, Meditations- und Yoga-Plätzchen sollten wir demnach die nächsten Tage weilen. Zwischen heiligen Kühen, heiligen Sadus und neben dem noch viel heiligeren Ganges durften wir nun heilige Luft schnuppern. Zwischen all diesen heiligen Aspekten und unglaublich amüsanten Yogis in weiß aus Europa mit Bindis auf der Stirn und kurz vor der Scheinerleuchtung stehend, viel das Atmen doch häufig in Lachen aus. Dieses Lachen ist aber keinesfalls mit dem zufriedenen Grinsen der Meditations- und Yogaglücklichen zu verwechseln! Nein nein.

Oh es ist toll in Rishikesh die Zeit vorbeistreichen zu lassen, Sadus anzugrinsen, Kühe zu streicheln und andere zu beobachten. Man sieht die frisch Verlassenen, die spontan Verliebten, die Selbstfinder und Weltvergessenden finden in Rishikesh neue Kraft, neues Lebensgefühl, den Mann oder die Frau für eine Nacht, sich selbst und alles im Grunde alles, was geht, wenn man nur will. So diese Menschen. Ich für meinen Teil habe diese Menschen gefunden, allesamt bringen mich zum Staunen und schmunzeln, aber auch beeindruckende Sadus, heilige Gangessteine und das weltbeste Getränk: Lemon Mint Juice, aber keine Magie oder Spiritualität. Schade?! Wer weiß…