Freitag, 28. Januar 2011

Kollektiv: Januar.

In Deutschland heißt es „April, April, der weiß nich´, was er will!“ Hey, schon mal einen indischen Januar in Delhi erlebt? Nein? Dann wurde etwas verpasst, nimmt sich dieser Monat doch die Eigenheiten der einzelnen mitteleuropäischen Jahreszeiten und lässt sie innerhalb von wenigen Wochen explodieren.

Kaum bricht das neue Jahr an, zeigt sich, dass es nur bergauf gehen kann, dann die Temperaturen pendeln zwischen 0 und 5 °C, wobei nicht zu vergessen ist, dass die Häuslichkeiten in Indien nicht für solche Temperaturen erbaut wurden und somit die Zimmerkälte bei etwa 7 – 10°C in Kombination mit einem Miniheater bei 14°C liegt. Toll, in Deutschland hätte man schon längst beim Mieterschutz angerufen, dem Vermieter gedroht und hier sitzt man mit 5 Lagen im Bett, trinkt Tee und sagt sich: Nur noch eine Woche, bestimmt! Ja, nach einer Woche hat man alle Kälteschmerzen und Frostmomente in der täglichen Rikschafahrt vergessen und lässt Handschuhe, 2 Schichten Kleidung und die Winterjacke daheim und erfreut sich erster Sonnenstrahlen. Was der Mensch selbst entscheiden kann, können die Hunde leider nicht und so tragen sie nun schon seit November, und hier waren es noch manchmal 17°C, ihre Wolldecken, Kleider und Pullover. Schrecklich aussehend und die Begründung: Diese Hunde kennen nur Hitze und erfrieren sonst, finde ich reichlich lächerlich, ist ein Labrador doch auch hier ein Labrador und europäische verzüchtete Rassehunde überleben auch Temperaturunterschiede von mindestens 40°C. Nunja, wer weiß. Zum Grinsen und Erheitern des Gemüts bleibt jedenfalls genug Spielraum, werden schließlich auch noch längst nicht alle Glitzer-Woll-Pullunder der Männer in den schillernsten Farben, wie weihnachtsbaumgrün, aprikosenrosa, lipglosspink, durchzogen mit Goldfäden, ausgezogen. Herrlich. Respekt verdienen jedoch vor allem die Frauen zu dieser Zeit: Die Flip Flops bleiben an den Füßen und lediglich ein Paar Söckchen darf wärmen. So sieht alles weiterhin traditionell schick aus und mit einem Tuch mehr über den Schultern hat man auch gleich die Winterjacke gespart. Warum man sich aber nicht einfach richtige Schuhe anziehen kann, auch nicht die Männer, frag mich immer noch. Wenn das meine Oma sehen würde…

Doch die Temperaturen steigen weiter und schon bald denkt man selbst darüber nach, nicht vielleicht doch schon die Flip Flops heraus zu holen. Aber man kann sich ja auch langsam vortasten, zum Beispiel mit einem Morgenkaffee um acht auf dem Balkon bei dem Gesang zwitschernder Vögel, oder gemütlichem Essen bei real existierendem Sonnenschein in Delhi. Komisch dabei nur, die fallenden Blätter der Bäume, aber irgendwie muss ja auch der Herbst seinen Einsatz bekommen.

Einige Bäume verlieren nun also wirklich Blätter und es windet ein wenig, die Luft riecht nach, den Smog streichen wir ganz kurz in unseren Vorstellungen, nach europäischem Juni, die Kälte ist vergessen und natürlich würde es sich für echter InderInnen nicht lohnen, richtige Schuhe zu kaufen – dauert der Winter ja nur einen guten Monat und dann erfreuen sich auch schon alle an der schönsten delhier Jahreszeit: dem Januar.

Montag, 24. Januar 2011

Varanasi 2.0.

Chaotisch, stinkend, dreckig, anstrengend. So der erste Eindruck Varanasis im September vergangenen Jahres. Habe ich mir jedoch immer gesagt, dass ich noch einmal in diese Stadt fahren müsste – ohne Monsoon, den Ganges als Fluss wahrnehmend, Ghats sehend und alles noch einmal mit anderen Augen sehen könnend. Und ja, die Stadt hat ihren Monsooncharakter beiseite gelegt und sich in bunten Farben, mit verschiedenen leichten Geruchsnuancen und einer gewissen Gelassenheit gezeigt. Der Schmetterling ist aus seinem Kokon geschlüpft.


Statt lärmenden Gassentumulten und schwitzendes Aneinandervorbeischieben, ließen nun Jung und Alt Drachen steigen, sind auf dem Ganges mit Booten gefahren – es gibt sogar Fische! * - , haben Chai am Flussufer genossen, Wasserbüffel gewaschen und sich die Sonne ins Gesicht scheinen lassen.

Es schien, als würde sich die Stadt bei allem auf einmal mehr Mühe geben. Während der Pooja waren zahlreiche Kerzen auf dem Ganges, es wurde lang und laut dazu gesungen, der Fluss selbst färbte sich in den verschiedensten Tönen, die Sonne lies Sommersprossen im Januar schießen, die Ghats waren nun wirklich existent und luden zum Spazieren am Fluss ein und es schien, als wären viel weniger Menschen vor Ort.


Spirituelle Schwingungen habe ich auch diesmal nicht spüren können, dafür jedoch eine angenehme und wohltuende Entspanntheit.

Eine Gelassenheit in einer Stadt, die wohl mehr Motive und Bilder bietet, als irgendeine andere, Unbekanntes offen hält, sympathisch anstrengend ist und entdeckt werden will. Ich mags.


  
 
* An dieser Stelle des Ganges befinden sich etwa 400 x mehr Colibakterien als das offizielle Maximum der Grenze zur Gesundheitsgefährdung erlauben würde und stellenweise gibt es auch keinen gelösten Sauerstoff.

Dienstag, 18. Januar 2011

Montag, 3. Januar 2011

Sinn:voll.

Meist wird behauptet, Indien zeichnet sich durch seine Farben aus, da es unglaublich bunt sei. Ich leben nun jedoch im Norden und empfinde eher die Kleidung der Frauen, vor allem in Rajasthan als bunt und natürlich den vereinzelt zu sehenden Kitsch der Hindus. Für mich persönlich ist Indien eher ein Land, welches mit allen Sinnen wahrgenommen werden will. Es bombadiert einen förmlich, will aufgesogen und verarbeitet werden, mehrperspektivisch, mit allen Extremen und Besonderheiten. Es kann in jeder Minute überfordern, durch seine Vielfältigkeit und enorme Abwechslung. Wir haben: Hören, Sehen, Fühlen, Riechen, Schmecken und für alle Fälle wahrscheinlich wirklich einen sechsten Sinn, um alles zusammen zu ordnen, systematisieren, realisieren.

Auf der Straße hörst du das Verkehrschaos, auf den Märkten werden dir jegliche Dinge mit den verschiedensten Stimmen angepriesen, hörst Rikschafahrer sich gegenseitig beleidigen und Kinder auf der Straße lachen. Und dann bist du fernab von allem, vielleicht abends im Bett, und spürst, wie sich deine Ohren anstrengen, da du einfach nichts mehr hörst...

Du siehst Frauen in ihren wunderschönen bunten Saris, dann das dreckige OldDelhi oder die Neben- und Hinterstraßen in jedem anderen Gebiet, siehst Affen, welche sich um eine Nuss streiten und Menschen die in einem Tempel meditieren und die Welt vergessen. Du läufst hier ständig um eine Ecke und dir wird eine völlig neue Welt gezeigt, welche du dir vorher nicht hättest vorstellen können.

Du fühlst den Dreck und Staub auf deiner Haut und später den angenehmen Wind, wenn du in einer Rikscha sitzt. Du fühlst die schönen Stoffe auf deiner Haut und gleichzeitig die Kinder, welche an dir ziehen. Und du spührst, wieviel Kraft es dich kostet und wieviel du durch ein Lächeln geschenkt bekommst.



Du riechst ständig die Abgase, den Müll und den Urin auf den Straßen und kannst dich diesem nicht entziehen und dann riechst du all die Gewürze in den Straßen, das frische Essen, welches an jeder Ecke verkauft wird, den Duft von einem Chai in nächster Nähe und kannst all dies gar nicht richtig einordnen.



Und wenn man ein Land schmecken kann, dann wohl Indien, ist es doch allein das Essen wert, welches ständig aufs neue die unvorstellbarsten Geschmacksexplosionen offenbart und immer wieder überrascht. Nelken, Kadamon, Ingwer, Chilli, Zwiebeln zusammen mit Kokosnuss, Knoblauch und unendliche Gewürze, deren Namen ich nicht kenne, harmonieren und explodieren.


Nun denn, hätten wir einen sechsten Sinn, könnte dieser wohl wirklich helfen, alles zusammen in Worte fassen zu können und vor allem die richtigen Worte zu finden; passender als Sinnexplosion und Sinnüberforderung...

Es ist so viel, so anders, so extrem.

Chilli-House.



Es hat mich 5 Monate gekostet, aber nun habe auch ich endlich jenen Teil OldDelhis finden dürfen, welcher der Inbegriff indischen Gewürzhandels in Delhi ist: das Chilli-House im Spice Market. Ohne Hilfe nicht zu finden, wurde uns eine Treppe in einer Straße OldDelhis gezeigt, welche in ein unglaublich großes Gebäude der Mogulzeit führte und von Beginn an einen unglaublichen Geruch beherbergte – Chilli. Auf jeder Etage tummeln sich Menschen um Säcke mit verschiedensten Chillisorten, tragen diese umher, handeln, verkaufen, fühlen, schmecken. Stufe um Stufe geht es nach oben, einladend wirkt es nicht, aber möglich und irgendwann stehen wir auf dem Dach und blicken über OldDelhi. Sehen das Red Fort, die Jama Masjid, Hochhäuser am Connaught Place, das wilde Treiben auf den Straßen unter uns und haben immer noch den Duft des Chilli in der Nase und Staub- und Gewürzpartikel im Hals. Nehmen eine seltene Perspektive ein und sind mitten drin.

Besuch.

Ja, meine lieben Ellis haben mich für eine Woche besucht, um zu erfahren, wie es hier denn nun ist und wie sich die Welt hier dreht. Sie wurden in den indischen Alltag geworfen, ohne Verniedlichung oder Vorbereitung und durften staunen, sich wundern, den Kopf schütteln und feststellen, dass Indien absolut den Vogel abschießt. Neben Delhi stand Agra mit dem Taj Mahal und die Suche nach Tigern im Ranthambore Nationalpark – leider vergeblich - auf dem Plan.

Da auch für mich diese Woche anders als gewohnt war, lasse ich lieber Bilder sprechen.
 













Oh du Schreckliche!

So viele sprechen von der Weihnachtsgeschichte, vom Fest der Nächstenliebe und der Familie, einem Tag, an welchem jedeR Liebe, Hilfsbereitschaft und Empathie aus vollem Herzen verschenkt und an andere denkt. Aber es gibt auch andere wahre Weihnachtsgeschichten...



... und dann war auch bei uns in der Wüste Weihnachten und wir dachten doch wirklich, den Heilig Abend im Zug gen Delhi verbringen zu können. Aber wie wir ja nun wissen, kommt es hier erstens anders und zweitens als man denkt...

Mit blauen Flecken und Schmerzen versehen, welche wir uns als Erinnerung an die Kamelsafari mitgenommen haben, erreichten wir wieder Jaisalmer und hofften auf eine heiße Dusche. Es gab kein warmes Wasser. Gut, kann passieren, auf nach Jodhpur mit dem Bus. Dort angekommen sind wir noch nichts ahnend umhergewandelt und haben uns auf die Heimreise gefreut – 6:30 Uhr wieder Delhier Asphalt unter den Füßen... von wegen... Unser Zug wurde gecancelt und das Drama war wirklich enorm, Superlative des Schreckens an jeder Ecke, Unverständnis welches seines Gleichen sucht und mitten drin zwei weiße Mädels, die doch einfach nur weg wollten. Tickets stornieren, neue kaufen, in den Zug steigen – so die Theorie, doch wurden wir von Schalter zu Schalter geschickt, man hat einfach nicht mit uns gesprochen, uns aus Jucks und Tollerei keine Tickets verkauft, angestarrt, angefasst, angelabert und einfach zwischen hunderten Männern stehen, mit Frauen streiten und unsere Nerven dahinschwinden lassen. Wir wollten einfach nur weg, zurück, so schnell wir möglich und keine weitere „Frohe Weihnachten“-SMS bekommen! Ab zum Busbahnhof, mittlerweile war es 22 Uhr, die Frauenquote überstieg den 5%-Satz kaum und wir hofften wieder auf ein Ticket. Grundlos wurden wir wieder ignoriert, bekamen keine Tickets und waren selbst nun wirklich nervlich am Ende und verabscheuten alles... Lange Rede, kurzer Sinn – am Ende saßen wir in einem Taxi nach Jaipur, um dort am frühen Morgen den ersten Bus nach Delhi bekommen zu können. Aber hey! Alle guten Dinge sind 3 und man wollte uns auch hier keine Tickets verkaufen, aber nach Wut, Tränen und sinnlos lauten Diskussionen saßen wir morgens um 7 im Bus, endlich.

Weihnachten war gegessen, aber wir konnten über Geschehenes lachen und weiter den Kopf schütteln, immerhin hatten wir nur 27 Stunden für 800 km gebraucht...

Gepäckablage und Wüstenschiff.

Einmal mehr Rajasthan, nun aber in einem Teil, welchen ich erreichen wollte, aber nicht dachte, es wirklich zu schaffen – die Wüste!


Mit dem Zug ging es diesmal nach Jodhpur, der angeblich blauen Stadt, doch die sandsteinfarbenen Häuser haben das Blau verschluckt und dafür einen angenehmen Wüstencharakter geschaffen. Jodhpur diente dennoch lediglich als Zwischenstop, da wir gleich weiter gen Jaisalmer, mitten in der Wüste, aufbrechen wollten. Den Weg bis dahin verbrachten wir in einem offiziellen Sleeperabteil des Busses, hatte dieses jedoch eher die Maße einer europäischen Busgepäckablage, aber immerhin gab es zu öffnende Fenster und außerhalb unserer 180 x 60 x 50 cm Box wäre es für uns eh enger und unangenehmer geworden. Unmengen von Menschen im Bus – sitzen, stehen, liegen, gequetscht und oben auf dem Dach – das hierbei niemand heruntergefallen ist, bleibt mir immernoch ein Rätsel... Es hat Spaß gemacht, war ein kleines Abenteuer und nach einem halben Tag waren wir ja auch schon am Ziel und das eigentliche Abenteuer konnte beginnen – Kamelsafari mitten im Nirgendwo!



Fernab leglichen Massentourismus waren wir eine kleine 4-köpfige-multikulti Gruppe und lernten unsere Kamele mitten in der Pampa Rajasthans kennen. Unglaublich! Pure Stille, klare Luft, keine Häuser, nur Natur und mitten drin unsere Kamele mit unseren Führern für die nächsten 24 Stunden! Den Tag verbrachten wir nun auf den Rücken unserer Wüstenschiffe, mehr oder weniger schmerzhaft und abgesehen von einem kleinen Dorf war einfach nichts außer Natur – nichts! Für viele mag jene Vorstellung sehr eintönig erscheinen, aber nein, besser ging es nicht. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und Seele und Füße baumeln lassen! Und dann die Dünen, auf einmal da, in ihrer Reinheit und Perfektion, die beginnende natürliche Grenze zu Pakistan, angestrahlt von der untergehenden Sonne und Zufriedenheit und Ruhe vermittelnd. Schweigen, den Sonnenuntergang im Sand sitzend genießen und die Welt vergessen...


Von Ruhe erfüllt und mit vollem Magen saßen wir nun in weihnachtenvergessender zufriedener Stimmung in unserer muslimisch-jüdisch-christlich-buddhistisch-atheistischen Konstellation, welche jegliche friedens- und kulturforschenden Menschen entzückt hätte, ums Lagerfeuer herum und haben den wandelnden Sternenhimmel beobachtet und konnten, unter vielen Decken versteckt, einschlafen...

... und dann war Weihnachten...